Gelsenkirchener Gegensätze: Maloche und Musik

Das Musiktheater im Reviert feiert seinen 50. Geburtstag

27.01.2010 Angelika Basdorf

Am 15. Dezember beging das Musiktheater im Revier (MiR) seinen 50. Geburtstag. Für die Arbeiterstadt Gelsenkirchen ist der Spielplan eine Herausforderung.

Braucht eine Stadt, die von ihren Zechen lebt, in der 60.000 der damals 380.000 Einwohner unter Tage arbeiten, ein so großes Theater? Als das 1959 zu den modernsten Bühnenbauten Europas zählende und 18 Millionen D-Mark teure Gebäude eröffnet wurde, waren aus der Bevölkerung nicht nur positive Stimmen zu hören. In der „Stadt der 1.000 Feuer“ ging man in seiner Freizeit „Auf Schalke“, zum Pferderennen auf die Trapp- oder die Galopp-Rennbahn, mit den Kindern in den Zoo oder in den Buerschen Stadtwald. Kultur war nur etwas für das wohlhabendere Bürgertum, Anzugträger, die damals in dieser Stadt eine Minderheit darstellten.

Erfolgreiche Tournee

Gegen das Vorurteil, dass sich Theaterbesuch und Maloche ausschließen, musste das Musiktheater im Revier, den Namen prägte 1967 der Intendant Professor Günter Roth, von Anfang an anspielen. Und tat es mit Inszenierungen, die bundesweit für Aufmerksamkeit sorgten. Nach der Eröffnung des großen, 1.050 Zuschauer fassenden Hauses mit Shakespears „Sommernachtstraum“ ging es zunächst mit bekanntem und Gefälligem weiter. Aber seinen überregionalen Ruf verdankt das MiR hauptsächlich zeitgenössischen und eigenwilligen Produktionen. Mit der Aufführung „Jakob Lenz“, einer der erfolgreichsten Werkstatt-Produktionen erreicht es 1978/79 auf einer Tournee durch Brasilien und Argentinien 6.000 Zuschauer. Die Vertonung der Büchner-Novelle von Wolfgang Rihm, einem der avanciertesten zeitgenössischen Komponisten, wird in Paris, Rennes, bei der Biennale in Zagreb, München und Frankfurt vor ausverkauften Häusern gespielt. Nach Gelsenkirchener Publikumsgeschmack ist indes anderes, vor allem Musicals und Operetten kommen gut an: „Fanny Hill“ unter der musikalischen Leitung seines Komponisten Paul Kuhn (1972/73) etwa, „Das Wirtshaus im Spessart“ und der Johann-Strauss-Klassiker „Karneval in Rom“ (beide 1976/77).

Sprungbrett für Weltkarrieren

Viele Sänger und Schauspieler starten in Gelsenkirchen ihre (Welt-)Karriere: zum Beispiel der Bassist Manfred Schenk, die Sopranistin Ursula Schröder-Feinen, der Helden-Tenor Torsten Kerl und der Schauspieler Günter Lamprecht. Einer kommt, bleibt und revolutioniert ein vernachlässigtes Genre: Bernd Schindowski wird 1978 Ballett-Chef. Das konservative und auch nach dem Zechensterben noch immer in der Mehrheit proletarisch geprägte Publikum erwartet Tutu und Spitzentanz. Stattdessen bekommt es modernes Tanztheater – etwa zu Musik von Pink Floyd („Wish you were here“) oder zu einem Text von Jean Genet („Das kriminelle Kind“). Aufgrund des hohen Niveaus beschließt das Land NRW 1989 eine besondere Förderung des Balletts am Musiktheater. Seitdem heißt die Companie Ballett Schindowski.

Während Gelsenkirchener Inszenierungen in überregionalen Feuilletons gelobt werden und Besucher aus der ganzen Republik anziehen, steht das ortsfeste Publikum eher auf Hausmannskost und verlässt bei allzu Experimentellem scharenweise in der Pause die Vorstellungen.

Ohne Moos nix los

Dem Spagat zwischen Kunst und Kommerz begegnen die Kulturverantwortlichen Gelsenkirchens mit dem Versuch von Fusionen: 1996 geht die „Neue Philharmonie Westfalen“ aus dem Zusammenschluss des westfälischen Sinfonieorchesters Recklinghausen und des philharmonischen Orchesters der Stadt Gelsenkirchen hervor. Zu Beginn der Spielzeit 1996/97 fusioniert das Musiktheater im Revier mit den Wuppertaler Bühnen aus beiderseitiger finanzieller Notlage. Die fusionierten Theater nennen sich nun „Schillertheater NRW“. Die Gelsenkirchener sind empört und verstehen nicht, warum ihr Musiktheater plötzlich nach einem deutschen Dichter benannt wird, zumal hier ausschließlich musikalische Aufführungen stattfinden. An den Namen haben sie sich nie gewöhnt und sind froh, als die Zusammenarbeit 2001 wieder gelöst wird und „ihr“ Theater wieder unter seinem alten Namen firmiert.

Die Theaterleitung erkennt, dass sie in der inzwischen nur noch 280.000 Einwohner zählenden, von hoher Arbeitslosigkeit geprägten Stadt durchaus noch andere Geldquellen erschließen kann: 2004, zum 100. Geburtstag des 1. FC Schalke 04 bringt sie das Auftragswerk „nullvier – Keiner kommt an Gott vorbei“ auf die Bühne. In kürzester Zeit sind alle 27 Vorstellungen des Schalke-Musicals ausverkauft. Dank der moderaten Eintrittskarten-Preise ab 8,50 Euro und Ermäßigungen für Mitglieder des Fußballvereins lernen jetzt Menschen das Musiktheater ihrer Stadt von innen kennen, die vorher keinen Fuß über dessen Schwelle gesetzt hätten. Die ungewöhnliche Idee zu dem Musical hatte der damalige Schalke-Manager Rudi Assauer. Peter Theiler, der Generalintendanten des MiR (bis 2008) erkannte: „Dieser Fußballverein trägt den Namen unserer Stadt in die Welt hinaus. Das ist unser Club, der leuchtet, Schalke 04 und das Musiktheater machen zusammen etwas Außerordentliches.“ Der Inhalt des Musicals fasst die Ambivalenz Gelsenkirchens zwischen Maloche und Musik zusammen: Enthusiastischer Schalke-Fan verliebt sich in klassikversessene Cellistin. Dass beide trotz dieses Gegensatzes ein Paar werden, ist typisch für Gelsenkirchen.

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